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Posts Tagged ‘Prosa’

Ich stand auf, ging zum Fenster und sah hinunter auf den Marktplatz, der in der prallen Sonne lag. Ich war auf der Suche nach einer Inspiration. Nach irgendeinem bemerkenswerten Vorfall, einer ungewöhnlichen Situation oder vielleicht auch nur nach einer belanglosen Begebenheit, die mir dabei helfen könnte, das Weiß zu verdrängen.

Doch da draußen war nichts. Zumindest nichts, was meiner Fantasie Beistand geleistet hätte. Nur die Mittagsglocken dröhnten vom nahen Kirchturm herüber. Zwölf Uhr. Eine ganze Stunde lang war ich jetzt schon da gesessen und hatte nichts anderes getan, als meine Sitzposition zu verändern, die Beine unter dem Tisch ausgestreckt, wieder angezogen, ausgestreckt, einen Fuß über den anderen gelegt und (mehr …)

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Anton Leben TraumAnton Leben erwachte aus einem leichten Schlaf. Er fühlte einen schalen Geschmack im Mund und fragte sich: „Was wäre eigentlich, würde ich jetzt sterben?“

Auf lange Sicht natürlich unvermeidlich. Aber abgesehen von Begräbnis, Nachlassverfahren und so weiter: Was würde eigentlich mit ihm selbst geschehen? Würde sich mit einem Mal das völlige Nichts um ihn herum ausbreiten? Oder würde er – so mir nichts, dir nichts – aufhören zu existieren?

Wird es ihn, Anton, dann also einfach nicht mehr geben, nicht einmal mehr in seinen eigenen Gedanken, in seiner eigenen Erinnerung? Oder wird er nach seinem Tod in irgendein Paradies auffahren und dort auf seinen wohlverdienten Platz in einem nächsten Leben warten?

„Von wegen wohlverdient“, dachte Anton. Und dann sah er Sie an. Ja, Sie.

„Was tun Sie gerade in diesem Moment?“ fragte er. „Sie werden vielleicht sagen, dass Sie gerade (mehr …)

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berliner_mauerDas private und berufliche Leben der Margarethe Stockinger hatte im Dezember 1989 aufgrund einer fatalen Obsession eine dramatische Wendung genommen. Das unbedingte Verlangen der damals im Österreichischen Nationalcircus beschäftigten und (mehr …)

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farben-der-weltSie haben’s doch so mit dem Reisen, dann sollten Sie sich die mal ansehen, deutete der schwergewichtige Mann hinter dem Tresen auf ein halbes Dutzend blassblau vergilbter Ansichtskarten. Sind gut gegen Fernweh – oder auch nicht, lachte er aufgesetzt, während ich schon am malerisch weißen Strand – West of Havanna City – im geschwungenen Schatten einer mächtigen Palme aufs türkisfarbene Meer hinausblinzelte, über den jutegroben Rücken eines bärtigen Künstlers am Montmartre sein Abbild des Pariser Frühlings mit der Wirklichkeit verglich, und, die Farbenpracht der mit den hellen Kuppeln der Sacré-Coeur wetteifernden Blüten noch im Kopf, im eleganten grauen Sonntagsanzug und Zylinder bunte Reiter auf trommelnden Pferden zwischen überladen schillernden Damenhüten verschwinden sah.

(c) Copyright Christian Seher

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bachwasserUnd während die groben Stahlräder schrille Musik aus den Gleisen hoben und sich die Gesichter der Fahrgäste verzerrten, die bisherige Ruhe und Gleichgültigkeit einer hektischen Anspannung wich, begannen in meinem Kopf farbige, aus den stiebenden Funken der kreischenden Räder geborene Bilder zu entstehen, Fotographien einer vergangenen Zeit, verharrten für Sekunden vor den Lidern meiner fest verschlossenen Augen, in dem Versuch sie festzuhalten, ehe sie durch das abrupte Rucken der greifenden Bremsen ihre Freiheit erlangten und meinem Inneren entschwanden, bis nichts mehr blieb als tiefe, schwarze Leere.

(c) Copyright Christian Seher

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